Steinways kluge Digitalisierungsstrategie

Steinways kluge Digitalisierungs-strategie

Der Markt hochwertiger Klaviere und Flügel ist hartumkämpft. Dennoch trotzt Steinway der Konkurrenz aus Fernost. Mit digital gesteuerten Pianos holt das Unternehmen große Pianisten auf Knopfdruck ins Wohnzimmer und hilft beim Klavierspielen lernen.

Klavierspielen gilt als analoge Technik höchster Perfektion und langen Übens. Kulturell ist die Kunst des Klavierspielens die Meisterdisziplin der Musik, nur vielleicht von der Schlagzeugkunst angefochten. Yamaha, der weltweit größte Anbieter von Klavieren und Keyboards, hat dennoch seit Jahren selbstspielende Pianos im Programm – sogenannte Disklaviere. Und auch der Marktführer Steinway ist diesen Schritt gegangen und hat den selbstspielenden Steinway-Flügel auf den Markt gebracht. Logische Konsequenz, und dennoch eine Sensation.

Jahr für Jahr werden weltweit rund 450.000 Klaviere – Flügel wie Pianos – hergestellt. Dominiert wird der Markt der Klaviere dabei von asiatischen Unternehmen. Allein aus chinesischen Fabriken stammen inzwischen etwa 250.000 Stück. Und weil die Umsätze rückläufig sind, haben viele europäische Unternehmen mittlerweile asiatische Kapitalgeber .

Kooperation mit großen Pianisten

Wer sich einen Steinway wünscht, muss mehr als 10.000 Euro berappen. In China jedoch erhält man Klaviere von lokalen Herstellern für 3.000 Euro. Dennoch hat Steinway vor zehn Jahren in einem Spiegelartikel behauptet, sie würden der Digitalisierung standhalten. Zehn Jahre später nun doch die Neuausrichtung.

Steinway entwickelte schon vor 150 Jahren eine geniale Marketingstrategie. Man umgarnte angesagte Pianisten und stattete sie mit Steinway-Flügeln aus. Als Gegenleistung forderten diese von großen Konzerthäusern, dass sie dort nur auf Steinway-Flügeln spielen würden. Die Begründung: nur Steinway-Klaviere würden ihre hohen Qualitätsanforderungen erfüllen.

Kluge Digitalisierungsstrategie

Die Marketingstrategie wird nun der digitalen Welt angepasst: Lang Lang, Olga Kern und Jacob Karlzon haben ihre Konzerte in die Roboterflügel von Steinway eingespielt. Und obwohl heute bereits alle Musikstücke auf digitalen Geräten wie zum Beispiel Smartphones oder Tablets verfügbar sind, wünscht sich die reiche Klientel einen Kick: anstatt aus der HiFi-Anlage soll die Musikuntermalung bei Events aus dem Steinway-Flügel kommt. Dieses digitale Selbstspielsystem von Steinway heißt Spirio und liefert große Pianisten auf Knopfdruck.

Steinway liefert auch hier Spitzenqualität – sehr zum Leidwesen der Mitbewerber wie Toyota, QRS oder Pianodisc. Ein weiterer Grund für Steinway diesen Markt anzugehen, hat mit dem Klavierspielen lernen zu tun. Schüler können zunächst die Stücke ihrer Meister anhören und anschließend nachspielen. Außerdem können sie ihr Klavierspiel aufnehmen, anhören und so anschließend verbessern.

Das digitale Klavier als Lernklavier

Das digitale Klavier hilft Schüler also dabei, ihr Spiel schneller zu verbessern. Steinway hat das erkannt und den vor Jahren nicht für möglich gehaltenen Strategiewechsel von analog zu digital nach 150 Jahren Tradition vollzogen. Die oft wiederholte These, dass alle Wirtschaftsbereiche von der Digitalisierung betroffen sein werden, wurde eine weitere Erzählung hinzugefügt.