Digitalisierungs-Stau in Deutschland

Digitalisierungs-
Stau in Deutschland

Was für eine merkwürdige Debatte wurde Ende 2017 in Deutschland geführt. Während in allen Medien für die Bedeutung der Digitalisierung getrommelt wird, alle Unternehmen sich mit der digitalen Zukunft in Projekten beschäftigen, hat man den Eindruck, dass viele Verantwortliche wie Zaungäste das Thema beobachten.

Man ist irgendwie fasziniert von dem, was da im Silicon Valley passiert, will sich aber nicht richtig beteiligen, sondern eher zuschauen, wie die nächste industrielle Revolution ablaufen wird. Es wird in Kongressen und Symposien viel geredet, aber wenig getan. Es scheint, als wenn die Debatte wichtiger ist als das Handeln. Man freut sich, dass die Start-up-Szene hierzulande gemessen an Europa wächst – aber beobachtet statt zu unterstützen.

Der Start-up-Pionier Christoph Gerlinger attackierte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Juli 2017 Medien und deutsche Investoren. Es ist zum Heulen, schrieb er. Handeln würde bedeuten, zu investieren. Doch die besten, deutschen Start-ups würden sich von US-amerikanischen Geldgebern finanzieren lassen. Die Zuschauer säßen in Deutschland in der ersten Reihe, während die US-Investoren Geld verdienen würden. Man hätte nicht begriffen wie Innovation tatsächlich funktioniere. Alle deutschen Konzerne wie Krupp oder Mercedes Benz hätten in der letzten industriellen Revolution vor 120 Jahren mit Verlusten begonnen, um dann Marktführer zu werden. Die Finanzpresse hätte Firmen wie Amazon oder Spotify mit Schmähschriften überhäuft, weil sie das Grundeinmaleins der Innovationsinvestition nicht verstanden hätten: Wichtige Innovationen sind zunächst defizitär und dennoch lohnt sich die Investition für alle Beteiligten. Für Innovationen braucht es Mut und keine Marktbeobachter. Presse verstärkt noch diese Melange von German Angst und Nichtverständnis des Innovationsgeschäftes.

Staatliche Investitionsruinen, die die digitale Zögerlichkeit unterstreicht

Die Gesundheitskarte für alle Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen wir seit 20 Jahren entwickelt. Ziel war es, dass auf der Karte alle Gesundheitsdaten und -befunde gespeichert sind, so dass sie behandelnden Ärzten beim Arztbesuch vorliegen. Dafür gibt es eine eigene Gesellschaft. Dienstleister ist T-Online. Inzwischen wurden mehr als eine Milliarde Euro ausgegeben. Ursache für das Scheitern war die Nichtkooperation zwischen den beteiligten Interessenverbänden.

Mit Beginn der Energiewende war klar, dass wo früher wenige Großkraftwerke Energie in das Netz eingespeist haben, zukünftig durch Digitalisierung die drei Millionen beteiligten Windkraft-, Photovoltaik- und Biomassenanlagen und private Einspeiser koordiniert werden können. Die Bundesregierung beschloss, dass die Zähler in deutschen Unternehmen und demnächst auch Privathaushalten zu digitalisieren seien. Das hat etwas von Radio Eriwan.

Dem geplanten Systemwechsel stehen große Hürden entgegen

Damit begann eine Reise zwischen den vielen Beteiligten: dem Zentralverband der elektrotechnischen Industrie (ZVEI), dem Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), der Bundesnetzagentur, den Netzbetreibern, den Stadtwerken und deren Verband VKU; ein komplexes Spiel zwischen Nichtentscheiden und Verhindern. Die Bundesnetzagentur beobachtet: Man schließe sich der Einschätzung an, dass dem geplanten Systemwechsel auf das genannte „Zielmodell“ mit Intelligenten Messsystemen zum Stichtag 1. Januar 2020 “große Hürden entgegenstehen”. Alle bisherigen Zwischenziele wurden gerissen.

Neben Gesundheitskarte und digitalem Ausbau der Versorgungsnetze werden auch die Ausbauziele des Internets allgemein als Breitbandverfügbarkeit nicht erreicht. Deutschland braucht Gigabit-Netze. Dennoch hat in Deutschland etwa die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu schnellem Internet. Bahnfahren ohne Internetzugang ist immer noch normal – auch auf Strecken von Hamburg nach Berlin.

Digitalisierung als wichtigstes Vereinbarungsziel

In Koalitionsgesprächen zwischen der CDU und der SPD wird die Digitalisierung ein wichtiges Vereinbarungsziel sein. Den Koalitionären kann man nur Wünschen, dass sie eine Digital Readiness Studie anfertigen und prüfen, wie es denn bis 2018 mit den Digitalprojekten im Land gelaufen ist. Ziel könnte es sein aus den Pleiten, Pech und Pannen der vergangenen Jahre eine mutige, erfolgreiche Digitalstrategie zu entwerfen. Danach kann gehandelt werden. Im Bereich Bildung soll es einen Bildungsrat geben. Zu befürchten ist, dass sich dieser auch Ziele setzt ohne etwas zu erreichen. Das hätte die Qualität der bisherigen Digitalinitiativen des Bundes.