Leistungen // Laterales Management

zen erobert deutsche unternehmen


Auf dem „World Economic Forum“ in Genf 2015 und 2016 waren Meditationsveranstaltungen bestens besucht: Top-Manager und Politiker wollten sich inspirieren lassen. Und weil die Digitalisierung der Welt in den kommenden Jahren mindestens die Hälfte aller Jobs verändern wird, braucht es auch neue, frische Wege hin zu innovativen Ideen.

Google kreierte passend zu diesem Trend bereits vor vier Jahren ein „neues“ Seminarkonzept: “Search Inside Yourself” ist für Trainer und Coaches das Seminar, was man besucht haben sollte – auch außerhalb der USA. Schließlich haben SAP und McKinsey dieses Seminar-Konzept inzwischen eingekauft und eingeführt.

Ein neuer Seminar-Mythos ist geboren

Als erfahrene Trainer wollten auch wir das Seminar kennenlernen und trafen am 16. und 17. September in Berlin mit 100 weiteren Menschen bei Google ein. Da wir selbst in den USA Trainings durchführen, ist uns der US-amerikanische Trainingsstil mit dem typischen „….denken Sie einmal drei Minuten über die Werte nach, die Sie besonders im Leben und im Arbeiten antreiben…..“ mit all seinen Stärken und Schwächen bekannt.

Das Google-Seminar ist so konzipiert, dass sich grundlegend psychologische Inhalte und Erläuterungen mit Meditations- oder Achtsamkeitsübungen abwechseln. Dabei stammen die Inhalte aus den 1980er-Jahren und fußen auf dem psychotherapeutischen (Achtsamkeits)-Mindfulness-Konzept von Ellen J. Langer, Neuroscience-Informationen sowie den Ideen von emotionaler Intelligenz des Psychologen Daniel Goleman.

Goleman glaubt, dass emotionale Intelligenz aus den Faktoren Self-Awareness, Self-Management, Motivation, Empathy und Leadership besteht. Unter Leadership versteht er Einfluss auf andere zu nehmen bzw. sie von den eigenen Ideen zu überzeugen. Diese fünf Themen werden durch Meditationsübungen im Seminar begleitet. Die beiden Trainerinnen hatten daher auch entsprechende Kompetenzen. Geleitet wurde das Seminar von einer deutschen Psychologin und einem englischen Architekten, der sechs Jahre in Indien und im Himalaja Zen praktizierte.

Bewertung von „Search Inside Yourself“

Wer vom Seminar neue Informationen zu Achtsamkeit (mindfulness), Zen oder Neuroscience erwartet, wird jedoch enttäuscht. Die theoretischen Teile sind fast alle auf dem Stand von vor 20, 30 Jahren. Oder es werden wissenschaftliche Erkenntnisse als statistisch relevant dargestellt – allerdings ungeprüft rezipiert. Und neuere Forschungsergebnisse zur Kognitionsforschung von Daniel Kahneman oder Gerd Gigerenzer sind in dem Konzept kaum berücksichtigt. Für Trainer und Coaches aber sind besonders die 12 Übungen in dem Seminar sehr wertvoll. Nicht alle sind neu, jedoch ist die US-amerikanische Art, wie sie präsentiert werden, für die eigene Beratungspraxis sehr wertvoll.

Wir von der Denkwerkstatt für Manager beraten Unternehmen auf dem Feld des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) und der psychischen Gefährdungsanalyse (PGA). Dazu gehört auch, Seminare zu Health und Management durchzuführen. Mit den Lernexperimenten aus dem Seminar konnten wir unser Repertoire erweitern. Das Seminar 1:1 in Deutschland durchzuführen, halten wir jedoch aus nachfolgenden Gründen für falsch.

Das Seminar ist auf den US-amerikanischen Managementmarkt zugeschnitten. Sowohl die Inhalte als auch die Übungen funktionieren in Deutschland aus unserer Sicht so nicht. Ein großer Teil der Übungen basiert auf dem positiven Denken von Martin Seligman. Die Rahmenbedingungen in der deutschen Unternehmenskultur sind anders und besonders weniger hierarchisch als in den USA. Denn hier wird mehr kooperativ geführt, Meinungsunterschiede und Diskurse finden offener und konstruktiv kritischer statt. Das Seminar aber zielt stark auf Anpassung der Mitarbeiter ab. Das ist kontraproduktiv für viele Unternehmenskulturen, die mehr selbstverantwortliches Handeln beinhalten.

Wirksamkeit muss überprüfbar sein

Außerdem fußt das Seminarkonzept auf dem wenig empirisch überprüften Konzept der emotionalen Intelligenz von Daniel Goleman. Rationale Intelligenz (IQ) ist messbar und valide. Emotionale Intelligenz ist das hingegen nicht. Mit dem Google-Seminar kaufen Unternehmen ein Konzept ein, das nicht auf seine Wirksamkeit überprüft ist.

Auch werden bei den Themen Leadership und Management die wichtigen Konzepte von Peter Drucker und Warren Bennis nicht erwähnt. Im Seminar wird so getan, als wären positive Psychologie und emotionale Intelligenz mit etwas Zen der Schlüssel zur besseren Selbstführung im Wirtschaftskontext. Dieser Ansatz aber ist für Unternehmen, in denen Managementprogramme existieren, zu schlicht und vielen Führungskräften so nicht vermittelbar.

Ferner wird im Seminar über Werte gesprochen, ohne die Werte des Zen, der Kontemplation, des Yoga, der Kabala oder der Suffies zu erwähnen. Am Nachmittag des zweiten Tages tritt ein Zenmeister auf, der sich über die Simplizität des Trainingskonzeptes und des Potentials freut, das darin liege. Bei vielen Zen-Kollegen würde das jedoch zu heftigen Widerworten führen. Zen- und Kontemplationsübungen wurden einst in Klöstern entwickelt und sind mit Glaubensfragen eng verbunden. Dieser Wertekontext aber wird verschwiegen. Warum eigentlich? Die Auseinandersetzung mit den Fragen, wo kommen wir her und wo gehen wir hin, sind die kulturellen Grundlagen der Wertegemeinschaften der vier wichtigen Weltreligionen. Dieser Kontext wird in europäischen Unternehmen hergestellt werden müssen – auch wenn im Management vieler Unternehmen dieser Zusammenhang bekannt ist.

Quick & dirty funktioniert nicht

Die größte Schwäche des Seminar ist es, dass das Konzept suggeriert, man könne Meditation oder gar Zen-Meditation einfach „quick & dirty“ lernen. Wer Yoga erlernt hat, der weiß, wie lange es dauert, diesen Weg erfolgreich zu gehen. Zen-Meditation ist ein noch längerer Weg zur spirituellen Erkenntnis. Auch Zen Light zu erlernen, braucht seine Zeit.

Am Ende des Seminars wurde dann darauf verwiesen, dass man zwei Mal am Tag zehn Minuten Meditation einüben könne und dann achtsam in der Welt sei. Wie wir auch, äußerten einige Teilnehmer in Berlin ihre Bedenken, dass diese Investition in Weiterbildung wirklich nachhaltig ist.

Was bedeutet das nun für Unternehmen?

Unternehmen mit einer langfristig angelegten Personal- und Managemententwicklung werden das Konzept von Google, so wie es vorgestellt wurde, nicht einkaufen. Das Seminar kann als Achtsamkeitsbaustein in ein bestehendes Managementtraining und betriebliches Gesundheitswesen integriert werden. Die Inhalte aber gilt es anzupassen und von dem Konzept der emotionalen Intelligenz zu befreien. Da gibt es für Management und betriebliche Gesundheitswesen wesentlich bessere Grundkonzepte.

Unsere Schlussfolgerung zum Google Seminar „Search Inside Yourself“: Der Besuch des Seminars lohnt sich aus zwei Gründen: Auf dem Seminar waren gut ausgebildete Coaches und Trainer als Teilnehmer/innen, die sehr wohl das Seminar und die Übungen in den kulturellen Werterahmen einordnen konnten. Die Diskurse in den Pausen und an den Abenden mit Kolleginnen und Kollegen dazu waren sehr wertvoll.

Und es ist der Verdienst von Google, Meditationen mit einem Seminarkonzept salonfähig gemacht zu haben. Dem Markt für Achtsamkeitstrainer wird das einen weiteren Impuls für deren Aufmerksamkeit in Organisationen geben.