BOG // Digitalisierung

RoBoter im OP

Patienten klagten über Schmerzen, Hämatome und Schwierigkeiten beim Gehen. Hunderte klagten auf Schmerzensgeld. Inzwischen ist die Meinung umgeschlagen und es gibt einen richtigen Hype. Kliniken ohne Roboter haben kaum noch Chancen als professionelle Operationsstätten wahrgenommen zu werden.

Die Geschichte des Einzugs des Roboters in den OP könnte zur Musterfolie der Überwindung von Schwierigkeiten von digitalen Produkten werden. In unserem Buch LATERALES MANAGEMENT1 haben wir die Umbrüche beschrieben.

Was 1994 unter Schmerzen erstmals versucht wurde ist heute Routine und Wettbewerbsvorteil. Insgesamt 80 Kliniken nennen im deutschsprachigen Raum den Operationsroboter DA VINCI ihr Eigen. Und heute geht es nicht mehr um orthopädische Eingriffe.
 
Bereits 2000 wurde ein Roboter für Harn- und Geschlechtsorgane entwickelt. Kaum war der Apparat in der USA zugelassen, entfernte wieder ein Frankfurter Arzt, der Urologe Jochen Binder, die erste Prostata per Computer. Heute werden etwa 80 % aller radikalen Prostataektomien ferngesteuert durchgeführt. In Deutschland liegt der Anteil bei 30 % und ca. 6300 Operationen pro Jahr; - Tendenz steigend.2

Bleibt die ökonomische Seite. Kosten Industrieroboter ca. 10.000 – 100.000 €, verlangt der US-amerikanische Hersteller INTUITIVE SURGICAL 1.800.000 € für  die digitale Maschine. Im Vergleich zu einer normalen Operation ist der Robotereinsatz im Schnitt 1.300 € teurer. Die Krankenkassen übernehmen keinen Cent davon. Geschützt durch, eine ganze Menge an Patenten, genießt der Hersteller noch ein Monopol und kann die Preise diktieren.2

Aus dieser Geschichte lassen sich drei Dinge für den Prozess der Einführung digitaler Produkte lernen:

1. Zunächst ist bei der Einführung einer neuen Technologie mit Rückschlägen zu rechnen. Diejenigen, die mit neuen Technologien beginnen oder sie anwenden laufen Gefahr zunächst enttäuscht zu werden. Heute laufen verschiedene Studien, die die Robotertechnologie mit der klassischen Schlüssellochoperationsmethode vergleichen. Letztere hat bislang noch leichte Vorteile bei Nichtroutineoperationen. Die nächste Herausforderung ist die Blindarmoperation durch einen autonomen Roboter, die bislang nur bei Schweinen funktioniert.

2. Zu Beginn einer digitalen Innovation sind die Preise für die neuen Technologien sehr hoch. Für die Organisation bedeutet dies zunächst eine Investment. Wer früh einsteigt hat allerdings einen Technologievorsprung.

3. Die Akzeptanz neuer Technologien ist zunächst schlecht und Rückschläge werden öffentlich skandalisiert. Plötzlich schlägt jedoch die Depression in Hype um und Neues wird Standard und von Kunden nachgefragt. Verantwortlich für diesen Umschlag ist die Tatsache, dass sowohl Operateure und Kunden lernen müssen, um die neue Technologie besser anzuwenden.

Wer sich den Weg von OP – Robotern seit mehr als 20 Jahren in den OP-Saal anschaut, wundert sich, dass bei einer vergleichbar weniger komplexen Technologie – wie dem selbstfahrenden PKW – hierzulande das autonom fahrende Auto noch kein Standard ist. In einen selbstfahrenden PKW würden sich doch Menschen sicher eher setzen, als sich die Prostata oder die Eierstöcke von einem kalten Roboter entfernen zu lassen.

Literatur:

1 Geschwill, Roland & Nieswandt, Martina, Laterales Management, Das Erfolgsprinzip für Unternehmen im digitalen Zeitalter, Springer 2016

2 FAZ, Es sägt und näht der Roboter. Mai 2016, S.57