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Fußballwelt- und Europa- meisterschaften als Wendemarke für Wirtschaft und Gesell-schaft

Selbst deutschen Fußballfans war es fast ein wenig unangenehm dabei zuzuschauen, wie das brasilianische Fußballteam am 8. Juli 2014 im Stadion Belo Horizonte den Ballkünstlern aus Europa unterlag. Ballkünstler aus Europa? Irgendwie verkehrte Welt. Wie war es möglich, dass das hochgelobte Team aus Südamerika ausgerechnet vor eigenem Publikum so klar scheiterte?

Carlos Dunga, der nach der Niederlage Luiz Felipe Scolari als Trainer der brasilianischen Fußballnationalmannschaft ablöste, erklärte später in einem aufschlussreichen Interview, was die Brasilianer aus dieser Niederlage gelernt hatten.

In der neu formierten Nationalmannschaft legt Dunga großen Wert auf die Selbstverantwortung der Spieler. Auch der kreative Mittelfeldspieler Oscar betont, dass Offensivkräfte wie er oder Neymar unter Dunga mehr Freiheiten bekämen als noch während der WM unter Scolari. Dazu Dunga: »Man muss dem Spieler Freiheit geben. Jeder hat eine grundsätzliche Verantwortung in der Mannschaft. Wenn er zusätzlich etwas beitragen möchte, hat er das Recht dazu. Ich kann ihm nicht die ganze Zeit sagen ›Mach dies, mach das. Schieß den Ball, mach einen Kopfball!‹ Das ist seine Entscheidung. Also muss man den Spieler jedes Mal mehr dazu bringen, eigene Entscheidungen zu treffen. Es gibt einige Dinge, die ich fordere. Aber dazu gehört die Eigeninitiative.« (Farmbauer 2014)

Mit dieser Philosophie orientiert sich Carlos Dunga an der deutschen Mannschaft. Deren Leitbild war bereits seit der Vorbereitung auf die WM 2006 unter Jürgen Klinsmann »der selbstverantwortliche, offene und interessierte Spieler« (Jenewein 2008, S. 10). Auch wurden alle Teammitglieder an Arbeits- und Entscheidungsprozessen beteiligt – von der Stammkraft bis zum Ergänzungsspieler.

Ein weiterer Erfolgsfaktor der deutschen Mannschaft bei der WM 2014 war sicher auch die funktionierende Teamarbeit. Jeder Zuschauer konnte auf dem Platz die gegenseitige Unterstützung, das gemeinsame Suchen nach den besten Wegen zum Tor, die intelligenteste Verteidigung und vor allem das schnellste Umschalten im Mittelfeld beobachten. Friedhard Teuffel von der Sportredaktion des Tagesspiegel formulierte dazu treffend: »Teamgeist bedeutete für die Nationalspieler nicht, sich für den Erfolg unterzuordnen in Hierarchien altdeutscher Art – es reichte schon das Einordnen in eine Gruppe, in der jeder auf seine Weise gebraucht wurde. Dieser Teamgeist ließ jede Menge Individualität zu und wurde gerade dadurch noch stärker.« (Teuffel 2014)

Moderne Führungsmethoden, Selbstverantwortung und Individualität hatten tatsächlich zu außergewöhnlichen fußballerischen Spitzenleistungen geführt. Die DFB-Verantwortlichen hatten damit auf die sich verändernden Rahmenbedingungen in ihrem Sport reagiert. Das Spiel war in der globalisierten Fußballwelt schneller, athletischer, technisch versierter und taktisch anspruchsvoller geworden. Spieler einer Topmannschaft haben heute viel mehr Aufgaben als »Mann decken« oder »Tore machen«: Sie müssen Verantwortung übernehmen  und in jeder Sekunde handlungsschnell die richtigen Entscheidungen treffen. Fußballspielen ist zu einer hochkomplexen Teamaufgabe geworden, die keinesfalls strukturiert und planbar abläuft, sondern in jeder Sekunde mit Überraschungen aufwartet. Gerade beim europäischen Fußball sind die Führungsmodelle wegen des enormen Erfolgsdrucks aufgrund der großen finanziellen Einsätze außerordentlich weit entwickelt (Schütt 2015, S. 151).

Das Jahrhundertspiel war vorbei, und fünf Tage später wurde Deutschland Fußballweltmeister. Viele klicken noch heute auf YouTube die magischen drei Minuten vom 1:0 bis zum 4:0 an, die die englische Zeitung The Sun so beschrieb: »Auf Jahre hinaus werden wir uns an die unglaublichste Kapitulation in der Geschichte dieses Turniers erinnern.« (Eichler 2015, S. 90)

Bei der anschließenden WM-Feier in Berlin rief Jogi Löw den Menschen am Brandenburger Tor zu: »Ihr seid alle Weltmeister!« Damit traf er einen Nerv: Jeder fühlte sich in diesem Moment als Teil eines großen, erfolgreichen Teams, in dem jedes Individuum mit seinen besonderen Fähigkeiten zum Erfolg des Ganzen beiträgt und auch noch Spaß daran hat. »Die Mannschaft« war zum Vorbild für die ganze (Fußball-)Nation geworden.

In den fortschrittlichen Chefetagen ist man sich durchaus bewusst, dass sich etwas an der Arbeitsmotivation der Mitarbeiter ändern muss. Einige Unternehmen gehen heute den Weg ganz neu über Führen, Entscheiden und Zusammenarbeiten nachzudenken. Zusammengefasst sind wegweisende Ansätze Unternehmenskulturen zu verändern in dem Buch Laterale Management, - das Erfolgsprinzip für Unternehmen im digitalen Zeitalter. Die Autoren beschreiben dort ca. 20 Unternehmen, die den Weg gehen, das Management so zu organisieren, dass Führen, Entscheiden und Zusammenarbeiten auf Augenhöhe (lateral) möglich ist. Dies Unternehmen verabschieden sich von der Anweisungskultur und dem ALLES WIRD OBEN entschieden.

Mit der Digitalisierung der Wirtschaft wird eine neue Wendemarke in der Wirtschaft erreicht. Das war auch 1954, 1974 und 1990 so. Auch jetzt werden sich auch Gesellschaft,  Arbeitswelten und die Unternehmenskulturen verändern. Wie der Weltmeister von 2014 werden dann Unternehmen leistungsfähiger werden und im internationalen Wettbewerb gewinnen. Kultur schlägt Kapital. Laterales Management und Laterales Führen sind auf dem Vormarsch. In dem Seminar Digitalisierung & Organisation am 7./8. Juli 2016 in Mannheim wird gezeigt wie Unternehmen die Ideen des Weltmeisters umsetzen.


Literatur und Quellen


Eichler, Christian (2015): 7:1 – Das Jahrhundertspiel. Droemer, München

Farmbauer, Martina (2014): »Ich habe bei null angefangen«, Carlos Dunga im Interview, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2014. Online:
www.faz.net/aktuell/sport/fussball/brasiliens-trainer-carlos-dunga-im-interview-13282296.html

Geschwill, Roland, Nieswandt, Martina, Laterales Management, - das Erfolgsprinzip für Unternehmen im digitalen Zeitalter. Springer, 2016

Jenewein, Wolfgang (2008): »Das Klinsmann-Projekt«, in: Harvard Business Manager, Juni 2008, S. 2 ff.

Teuffel, Friedhardt (2014): »Mit Teamgeist zum Weltmeister-Titel«, in: Der Tagesspiegel, 15.07.2014. Online: www.tagesspiegel.de/sport/wm-2014-nationalelf-kommt-nach-berlin-mit-teamgeist-zum-weltmeister-titel/10200266.html