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Digitalisierung am Scheideweg

Wenn die Berichte stimmen, dann war das Leitungspersonal aus Wirtschaft, Politik und Verbänden auf dem World Economic Forum in Davos in den Jahren 2015 und 2016 noch nie so beunruhigt, wie in diesen Jahren.

Und tatsächlich wird die Digitalisierung die Gesellschaften und Unternehmen in den kommenden Jahren dramatisch verändern. Nur wie in allen großen Veränderungen, stellt sich die Frage, was ist relevant und was nicht. Bei vielen Beratern merkt man schnell, das sind Trittbrettfahrer. Da lohnt es sich, einen Blick in die in die klassische Literatur zu tun.


Der geniale Wirtschaftsforscher Joseph Schumpeter hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genauer mit der Anpassungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems befasst (Schumpeter 2006). Dabei hat er die entscheidende Frage gestellt:
Wie erzeugt der Kapitalismus die Kraft, dass er Gesellschaft und Kultur unaufhörlich verwandelt?

Wirtschaftliche Entwicklung begreift er als durch Innovationen ausgelöste Marktveränderungen. Der Unternehmer reißt die Wirtschaft aus ihrem Dornröschenschlaf – mittels neuer Güter, neuer Produktionsverfahren, neuer Organisationsformen, der Erschließung neuer Rohstoff- und Absatzmärkte usw. Die Wirtschaft wird durch die »kreative Zerstörung« alter Geschäftsmodelle, Prozesse oder Organisationsformen – eben durch neue Ideen – produktiver und akkumuliert mehr Kapital. Der Unternehmer will Geld verdienen.

Betrachtet man aktuelle Untersuchungen zur digitalen Transformation, dann scheinen in den Unternehmen neue Formen von Führung und Zusammenarbeit kaum eine Rolle zu spielen. In einer Studie von 2015, die das Unternehmen Cisco gemeinsam mit der Wirtschaftshochschule International Institute for Management Development durchgeführt hat (Global Center for Digital Business Transformation 2015), wurden mehr als 1.000 Entscheider aus zwölf Branchen und 13 Ländern interviewt. Die Befragung drehte sich um Kosten, Plattformen, Risiken der Geschäftsmodelle und IT-Prozesse im Netz. Für diese Manager und ihre Kollegen, die im Auftrag von Ernst und Young (Ernst & Young 2015) ebenfalls zu den Folgen der Digitalisierung befragt wurden, scheint die digitale Transformation zunächst eine technische und kostengesteuerte Veränderung zu sein. Die Menschen in den Organisationen spielen offenbar keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Nur, wer erschafft eigentlich die neuen Produkte und Innovationen? Das dürften dann doch die klugen Köpfe in den Unternehmen sein. Trotzdem scheint in vielen Organisationen und der aktuellen Beraterszene das Motto »Weiter so« zu lauten – eine Fortschreibung des Managements als auch von Beratung des 20. Jahrhunderts als Lösung für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Wir prophezeien: Das wird nicht aufgehen! Da werden sich Manager und Berater mehr Mühe geben müssen und über die Organisationsform - also über Führen, Entscheiden und Zusammenarbeiten – nachdenken müssen.

 

Literatur:

Schumpeter, Joseph A. (2006): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Nachdruck der 1. Auflage von 1912. Hrsg. von Jochen Röpke und Olaf Stiller. Duncker & Humblot, Berlin  [1911]

Geschwill, Roland & Nieswandt, Martina, Laterales Management, Das Erfolgsprinzip für Unternehmen im digitalen Zeitalter, Springer 2016