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Der digitale Rechtsanwalt?

Nach der Vision von Forschern der Michigan State University soll sich das ändern: Sie haben eine Software entwickelt, die in der Lage ist Gerichtsentscheidungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent vorauszusagen. Dafür sammelten sie im Vorfeld alle verfügbaren Informationen aus 7.700 Prozessen und 68.000 beteiligten Richtern.1

Auch für große Gerichtsprozesse von Unternehmen dürfte die Software die Aufgaben von Juristen übernehmen. In naher Zukunft werden sich Leg Tech Programme durch E-Mails, Word-Texte, Datenbanken und Scans wühlen und auf Basis von Syntaxanalysen und der Schlüsselworterkennung diejenigen Dokumente herausfiltern, die für den jeweiligen Prozess relevant sind.1

Bisher werden diese meist stumpfen Tätigkeiten von Referendaren und Berufseinsteigern durchgeführt.2 Sie wühlen sich durch Stapel von Papieren und werden dem Kunden mit mehr als 250 Euro pro Stunde in Rechnung gestellt. Kein Wunder, dass Unternehmen immer häufiger nachfragen, warum die Anwaltskosten so hoch sind.

Digitale Rechtsexperten als erste Anlaufstelle

Darauf reagieren derzeit besonders Rechtsanwaltskanzleien mit der Nutzung von Electronic Legal Discovery Software oder durch die Kooperation mit Softwareschmieden. Besonders beliebt als digitaler Rechtsexperte ist die Watson-Software ROSS INTELLIGENCE von IBM. Die Großkanzlei DLA Piper zum Beispiel ist eine Partnerschaft mit dem KIRA, Spezialist für künstliche Intelligenz, eingegangen, und Berwin Leighton nutzt RAVN für die Immobiliengeschäfte. Der Britische Anbieter verspricht das intelligente Lesen, Interpretieren und Zusammenfassen von Dokumenten. Weitere Großkanzleien haben sich das Nutzungsrecht in den vergangenen Wochen gesichert.

Gleichzeitig werden weitere Nutzungsportale für Rechtsanwender eröffnet. Besonders beliebt sind Portale wie Flightright oder EUclaim, die mit wenigen Klicks ermöglichen, Entschädigungen für verspätete Flüge zu beantragen.2 Der Anbieter Geblitz.de bietet die kostenlose Prüfung von Bußgeldbescheiden an und Rechtsportale wie 123recht oder Smartlaw wollen kostspielige Erstmandantengespräche ersetzen, wenngleich meist ein persönlicher Anwalt den eigentlichen Prozess zu Ende führen muss.

Klar ist, die Branche wird sich in den kommen Jahren verändern. Ohne Legal Tech werden Kanzleien kaum auskommen und Kunden werden mehr mitreden wollen, wenn es um die Einschätzung der Erfolgsaussichten von Klagen kommt.


Literatur:

1 FAS, Der digitale Doktor. 12. Juni 2016, S.23


2 FAZ, Algorithmen für die Anwälte, 19. Juni 2016, S.24

3 Geschwill, Roland & Nieswandt, Martina, Laterales Management, Das Erfolgsprinzip für Unternehmen im digitalen Zeitalter, Springer 2016