Leistungen // Laterales Management

demokratie in orchestern?

In unserem Buch Laterales Management beschreiben wir rund 30 Unternehmen, die Unternehmensstrukturen aufgebaut haben, in denen Führen, Entscheiden und Zusammenarbeit auf Augenhöhe organisiert sind – und zwar nicht nur an der Spitze, sondern innerhalb des gesamten Unternehmens.

Als wir das Buch geschrieben haben, wussten wir von dem Projekt in Bremen. Denn es wurde in verschiedenen Büchern publiziert sowie von dem Saarbrücker Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz begleitet. Neuere Veröffentlichungen berichten von dem wirtschaftlichen Erfolg der Musiker – und das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Der Dirigent hat das Orchester im Griff

Zum einen galt es in Fachkreisen bisher immer als ungeschriebenes Gesetz: Der Dirigent muss das Orchester im Griff haben. Es gibt eine klare Hierarchie: Dirigent, 1.Geiger, 2. Geiger … usw. Wie einst Herbert Karajan agierte, so stellt man sich die Zusammenarbeit in einem Orchester vor – heute allerdings mit etwas milderen Formen der Partizipation.

Nicht so in Bremen. Dort dirigiert der Este Paavo Järvi, der in den Proben zwar Anweisungen gibt, das jedoch erst nach einem Diskussionsprozess. Denn in Bremen wird ein Stück geprobt, dann unterbrochen, damit sich zunächst alle aus dem Orchester dazu äußern können, wie das Stück verbessert werden kann. Am Ende fasst Järvi zusammen, dann wird weiter geprobt.

Der Weg des Orchesters dahin ist beachtlich: Die Kammerphilharmonie wurde 1980 in Frankfurt von Musikstudenten gegründet. Als Bremen Anfang der 1990er-Jahre mit üppigen Fördergeldern lockt, zieht das Orchester 1992 um. Doch trotz der Zuschüsse wird ein Schuldenberg von 1,5 Millionen Euro aufgebaut. Das Orchester zieht die Notbremse, der ehemalige Kontrabassist Albert Schmitt wird zum Geschäftsführer gewählt und es werden Marketing- und professionelle Managementmethoden eingeführt. Und es wird die Gesellschaftsform gGmbH gewählt, die vollständig den 41 Musikern gehört. Ab diesem Zeitpunkt finden die meisten Proben ohne Dirigenten statt. „Wir wollen mitreden, schließlich hängt unsere Existenz davon ab“, so die Bratschistin Friederike Latzko.

Nach der Neuausrichtung schuldenfrei

Und auch der wirtschaftliche Erfolg ist beachtlich: Im Jahr 2015 hat das Unternehmen Konzerte vor 150.000 Besuchern in Asien und Europa veranstaltet. Bis 2020 sind alle geplanten Konzerte ausgebucht. Und mehr als 70 Prozent des Jahresbudgets von 6,6 Millionen Euro erwirtschaftet das Unternehmen selbst. Bundesweit erreichen das im Durchschnitt nur 17 Prozent der Orchester.

Wie viele laterale Unternehmen ist auch die Kammerphilharmonie wirtschaftlich sehr erfolgreich. Denn nach der Neuausrichtung ist das Unternehmen schuldenfrei. Jeder Musiker verdient mittlerweile etwa 40.000 Euro jährlich (deutsche A-Orchestern zahlen ca. 70.000 Euro). Und während man in Deutschland von einem Orchestersterben spricht – in den vergangenen 15 Jahren haben etwa 25 Prozent der öffentlich subventionierten Klangkörper geschlossen – ist die Kammerphilharmonie in Bremen eine echte Alternative zum rückläufigen, öffentlich subventionierten Betrieb. Derzeit sucht das Unternehmen nach weiteren Geschäftsfeldern. Von dieser Organisation ist zukünftig sicher noch viel zu erwarten!